WILDE TIERE UNSRER HEIMAT

Nicht-begehbare Installation // Eröffnung am 11. Juli 2020 // Festival der freien Szene Sachsen Parkour: Weiter zeigen! // Europäisches Zentrum der Künste Hellerau

von: Laura Immler, Hannes Köpke, Jasmina Rezig, Olivia Rosendorfer, Konstantin Sieghart, Julius Zimmermann

Wilde Tiere unserer Heimat setzt sich mit dem Aufleben des (in den letzten Jahren wieder viel bemühten) Heimatbegriffs in der Romantik auseinander.

Die Industrialisierungen des 19. Jahrhunderts deutete allzu klar eine Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung an, in der die Rolle des Menschen unsicher schien. Also wurden (in der Mode, der Philosophie, der Kunst, im Alltag) Vergangenheiten ländlicher Idylle heraufbeschworen, die es so nie gegeben hatte. Menschen, die sich von der Großstadt entwurzelt, von Maschinen abgelöst, oder von sich emanzipierenden Frauen in die Ecke gedrängt fühlten, besonnen sich auf vermeintlich ursprüngliche Ausdrucksformen, suchten in ihnen Sicherheit und Stabilität.

Ausgangspunkt für die Ausstellung ist ein Raum, den wir aus der Arbeit Wo die schönen Trompeten blasen übernommen haben. Diese Musiktheaterinstallation fand 2019 im gesamten Gebäude des Lofft-Theater (Leipzig) statt und lud das Lied Abendlich schon rauscht der Wald der Leipziger Komponistin Fanny Hensel mit verschiedenen Bildern auf, die zwischen Gemütlichkeit und Entfremdung, zwischen Gemeinschaft, und Brutalität und Ausgrenzung, zwischen Glaubwürdigkeit und offen liegender Konstruktion verschiedene Qualitäten des Begriffes sinnlich verdichteten.

Plastik Wiese 2 / Arbeit im Ausstellungsraum / Hellerau / 2020

Plastik Wiese 1 / Arbeit in den Bergen / Wattenberg, Tirol / 2019

HEIMAT ENTSTEHT DURCH WIEDERHOLUNG GESCHICHTE SOLL SICH NICHT WIEDERHOLEN
von Hannes Köpke

1
Ich war dieses Jahr in Frankfurt zum arbeiten, wo ich nie lebte in Frankfurt, was also in einem bestimmten Sinne nicht meine Heimat ist. Also ich habe in Frankfurt gearbeitet immer von morgens sehr früh und immer bis spät in den Abend hinein also blieb keine Zeit mehr zum kochen und ich kaufte mir ein Sucuksandwich in der Kneipe unter meiner Gastwohnung. Am zweiten Tag bereits sagte die Barkeeperin „Das gleiche wie immer“ Gleich am zweiten Tag sagte sie das und ersparte uns damit ca. 50 Wiederholungen in denen ich immer gleich ein Sucuksandwich bei ihr bestellte, weil gestern das eine Mal in ihrem „immer“ unendlich wurde und also war ich in Frankfurt jetzt zu Hause.

2
„Eure Heimat ist unser Albtraum“ heißt ein 2019 in Deutschland erschienenes Buch, herausgegeben von Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir. Es versteht sich laut Klappentext als Manifest gegen Heimat. Vierzehn Autor*innen, alle von irgendeiner Form von Diskriminierung betroffen, schreiben in kurzen Essays. Das Buch wiederholt sich penetrant. Jeder Essay sagt immer wieder: Permanent bekomme ich eure Rassismen ab. Permanent bekomme ich eure Sexismen ab. Permanent werde ich von euch diskriminiert. Fickt euch und euer Heimatministerium. Eigentlich will das Buch, glaube ich, verschiedene Facetten herausarbeiten (die Kapitel haben verschiedene Überschriften wie „Liebe“, „Essen“ und „Arbeit“). Aber es macht etwas viel besseres: Es sagt immer wieder das gleiche das gleiche, nur so leicht abgeändert, dass es jedes Mal eine neue Brutalität bekommt. Wie eine wiederholte regelmäßige Diskriminierung die ganze Zeit auf Menschen einprügelt wird so in der Form deutlich spürbar.

3
Es gibt Sachen, die sich nicht wiederholen sollen, zum Beispiel Geschichte, sagt man. Damit meint man dann üblicherweise den zweiten Weltkrieg. Hier in Österreich meint man das mit nicht so viel Nachdruck wie in Deutschland. So muss beispielsweise Thomas Nußbaumer, der am Mozarteum über Tiroler Volksmusik forscht, in einem 2014 (!) erschienenen Text über den Zusammenhang von Nationalsozialismus und Tiroler Volksmusik darauf hinweisen, dass die Quellenlage dürftig ist, weil dazu wenig geforscht wurde. Dennoch ist sein Befund recht eindeutig: Tiroler Volkskultur, auch die Musik, wurde von den Nationalsozialist*innen instrumentalisiert und zur Volkserziehung genutzt, dieselben Leute, die das gemacht haben, waren nach dem Weltkrieg weiterhin relevante Figuren in der Volksmusikszene, die Volksmusikbegriffe der 30er-jahre sind dementsprechend in großen Teilen unsere heutigen. Holdrio.

4
Ich komme aus Deutschland. Bei mir ZUHAUSE in meiner HEIMAT Deutschland gibt es auch Wiederholungen, die die Heimat konstituieren.  Zum Beispiel rechte Morde. Mindestens 85 seit 1990. Daran kann man sich gewöhnen wie an Sucuk-Sandwich und fühlt sich dann zu Hause. Wie heißen nochmal die Opfer des NSU? Weiß nicht mehr, Mehmed hieß einer oder so. Jedenfalls die Namen der Täter, der DEUTSCHEN, werden wiederholt wiederholt wiederholt UWE UWE UWE MUNDLOS BÖHNHARDT MUNDLOS BEATE ZSCHÄPE.
Dann wird Walter Lübcke ermordet, Regierungspräsident der CDU in Hessen. Von einem Rechtsextremen. Und jetzt wird irgendwie nicht wiederholt. Die CDU muss mehrfach daran erinnert werden, jetzt empört zu sein oder gegen Rechtsextremismus.
Stattdessen: die erste CDU-AfD-Koalition in Penzlin. Die AfD veröffentlicht in einer Pressemitteilung, ohne Merkels Flüchtlingspolitik würde Lübcke noch leben. Merz fordert Nationalstolz wieder als wichtiges Thema ernstzunehmen. Der Vize der Sachsen-Anhalt CDU will über Koalitionen mit der AfD nachdenken, denn: er will das „Soziale wieder mit dem Nationalen“ zusammendenken können. Das ist alles innerhalb einer Woche, die wir hier in Tirol waren, passiert.
Bis dahin bin ich noch mit der These umgegangen: Heimat irgendwie schwierig, aber muss man vielseitig betrachten. Dann: Alle Sicherungen brennen durch: Drecksheimattümelei, verpisst euch, geht weg mit dem Begriff, hier radikalisiert sich gerade die Mitte der Gesellschaft und wir arbeiten mit diesem Projekt daran, einen Begriff  zu greenwashen, der Konservatives und Rechtes füreinander anschlussfähig macht. Und darauf hab ich gar keinen Bock.

5
Noch eine Heimat-Wiederholung: Die der Sozialwissenschaften. Sie sagen alle: HEIMAT IST EINE KONSTRUKTION. Dann sagen sie: Heimat als Konstruktion entspringt der Romantik, kommt mit Industrialisierung und Nationalstaaten. Industrialisierung macht den Planeten kaputt, also wird die Natur romantisiert. Der deutsche Wald (der Hambacher Forst). Nationalstaaten sind die Idee, dass Leute, die sich als ein Volk verstehen auch politisch eine Einheit sind. Das wollten die Romantiker*innen als „natürlich“ begründen, was zu prima Ideen wie Rassenkunde führte, oder auch zu erfundenen überlieferten Trachten, die gar nicht historisch waren, nie. Zu Märchen- und Volksliedsammlungen, die ein Volk in ihrem Kern beschreiben sollten.

6
Wer durch Seefeld geht (wo unsere Gastwohnung ist), kann sich in keine Richtung drehen, ohne ein Ferienwohnungsappartment mit Geranien zu sehen, oder einen Laden mit „Traditionellem“. Dahinter, auch in jeder Richtung: kitschig-idyllisches Alpenpanorama

7
Ich habe nie ein Wort erfunden. Ich wiederhole die deutschen Wörter die ich nach und nach den Erwachsenen nachgeplappert, imitiert, wiederholt hatte. Sprachheimat: DEUTSCH. Und weil Heimat gerade eklig geworden ist, will ich nicht mehr sprechen aber ich denke ja auch auf Deutsch. Ich habe einen Raum zum sprechen bekommen, dieses Blatt, dass ihr mitnehmen könnt, diese Bühne, auf der wir gespielt haben. Hurra: Vier deutsche und ein Österreicher alle ohne Migrationshintergrund können über ihren Heimatbegriff sinnieren, weil sie in die Bewerbung geschrieben haben, dass sie top verunsichert sind. Und jetzt muss man diesen Raum auch nutzen.

8
Ich will mit Heimat nichts mehr zu tun haben, nie wieder. Ich glaube, der Begriff spielt immer, egal wie eingesetzt, den falschen in die Hände. Ich schäme mich, hier diesen Begriff zu vertreten und will hier weg.

9
Ich verstehe Leute, die ihre Heimat verloren haben. Ihnen fehlt etwas. Heimat als verlorener Ort ergibt Sinn. Wer eine gesicherte Heimat hat sollte nicht über das Thema lamentieren, sondern die Fresse halten. Was ich hiermit jetzt tue.